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Mir war nach einem Gedicht zumute

Sei du mir Omen und Orakel
und führ mein Leben an zum Fest,
wenn meine Seele, matt vom Makel
die Flügel wieder fallen läßt.

Gieb mir das Niebeseßne wieder:
das Glück der Tat, das Recht zu Ruhn, –
mit einem Wiegen deiner Glieder,
mit einem Blick für meine Lieder,
mit einem Grüßen kannst du’s tun.

– von Rainer Maria Rilke

Doch alle Lust will Ewigkeit

I’ve been thinking about one certain possible scenario in my life for month now, without really being able to come to a conclusion. Then last night, I dreamed about me seizing the possibility and changing my life by doing that. I lived through the whole change and development, I felt the joyful and the sad moments. And by the end of the dream I eventually came to the answer regarding how I am going to decide. The moment I knew, I woke up and felt like I’ve been living in a parallel universe for at least three days. I felt exhausted and relieved, but at the same time a sadness overcame me, because I now know the other life I will lose and I have already lost.

Zarathustra’s  Rundgesang
Friedrich Nietzsche

O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
„Ich schlief, ich schlief -,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
– will tiefe, tiefe Ewigkeit!“

Liebes-Lied

Es ist Herbst und es ist Zeit für Melancholie und Gedichte. Es scheint so, als sollte dieser Herbst ein Rilke-Herbst werden:

Liebes-Lied
von Rainer Maria Rilke

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möchte ich sie bei irgenwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

Der Herbst und der Panther

Pünktlich zum Herbst habe ich ein schönes Herbstgedicht zugeschickt bekommen und ein wunderbares Gedicht über den Panther.

Herbsttag
von Rainer Maria Rilke

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

* * * * *

Der Panther
von Rainer Maria Rilke
(im Jardin des Plantes, Paris)

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Ich hab’ mein Leben wie Trauben von mir gelöst

Graphik
von Maria Luisa Belleli

Ich hab’ die viel zu vielen Dinge entfernt,
die Schatten werfen und Hindernis sind.
Ich hab’ mein Leben wie Trauben von mir gelöst,
doch über mir mit der Zeit gewachsen.
Ich hab’ mich gesehn wie man im Gegenlicht
die Finger einer Hand sieht.
Und auf diesem einfachen Bild, in diesem Baum,
der kein Laub getragen oder verloren,
warst Du noch immer.