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Coding Da Vinci – Der Kultur-Hackathon

Als Lina mich im April fragte, ob ich mit ihr und Anne an einem Hackathon teilnehmen möchte, war ich zuerst einmal perplex, dass Lina gerade das Wort “Hackathon” verwendet hat. Sie ist nämlich mit Herz und Seele Kunsthistorikerin, stolze Besitzerin eines alten Knochens, den sie Handy nennt, und schleppt aus Spaß dicke Bücher in ihrem Jutebeutel durch die Stadt. Aber neulich hat sie auch eine Hausarbeit geschrieben, bei der ich ihr technisch beraten habe, und es ging um den Einsatz von Virtual Reality bei Sanierungsarbeiten der alten Landmauer in Istanbul. Ich merkte, dass es an mir war mein veraltetes Bild der Kunstgeschichte zu entstauben und sagte ihr deshalb bei dem Projekt zu.

Das Ziel von Coding Da Vinci ist es Kulturinstitutionen mit Entwicklern, Designern und Interessierten zusammenzubringen, damit sie gemeinsam aus frei nutzbaren Kulturdaten neue Anwendungen, mobile Apps, Dienste, Spiele und Visualisierungen entwickeln. CDV fand 2014 zum ersten Mal statt und entstanden sind damals nützliche wie witzige Projekte, basierend auf 26 Datensets von 16 Institutionen. Dieses Jahr nahmen 33 Kulturinstitutionen teil und die Datensets haben sich auf 47 fast verdoppelt.

Nach einigen Überlegungen entschieden sich Anne und Lina für die 200 Karteikarten der Fotografin Giesela Dutschmann, die fast 40 Jahre lang für das Ostberliner Fotoarchiv tätig war und die städtebauliche Entwicklung der DDR dokumentiert hatte. Daraus wählten sie wiederum 75 Fotos aus, die insgesamt 27 Gebäude zum Inhalt hatten. Sich durch die 200 Karteikarten durchzuarbeiten war mühselig und nahm den ersten Teil der insgesamt 10 Wochen andauernden Hackathon-Sprint in Anspruch. Ich gönnte mir währenddessen eine große und zwei kleine Reisen, und als ich wieder im sommerlichen Berlin war, lagen die ausgewählten Bilder samt Metadaten bereits in unserem gemeinsamen Google Drive und ich legte los, um zunächst einmal Importierfunktionen für diese Daten zu programmieren.

Nach und nach entstand eine Webseite, die nicht nur die von den Kunsthistorikerinnen aufgearbeiteten Daten verständlich darstellte, sondern ihnen auch die Möglichkeit bot weitere Fotos hochzuladen, Metadaten hinzuzufügen, neue Gebäude und Touren anzulegen und mit Beschreibungstexten zu versehen. Bald inspirierte uns das Gerüst auf der Einführungsseite zu einem Logo; das Ockergelb der FDJ gab der Seite Farbe; und Helvetica Neue wurde zur Hauptschriftart, weil sie der Schriftart Super Grotesk sehr ähnlich aussieht, welche als die meist verwendete Schriftart in der DDR gilt.

Eine Woche vor der großen Projektpräsentation hat mein Team, mittlerweile mit Christian zu viert, dann noch einen echten Wochenend-Hackathon in meinem Wohnzimmer veranstaltet. Zwei Tage lang haben wir bis spät in den Abend hinein für unsere Seite “Wiederaufbau Ost-Berlin” Texte recherchiert und Bugs beseitigt. Jede Menge Koffein und Kuchen wurden zum Aufputschen missbraucht, das Team wuchs noch mehr zusammen und wir fühlten uns unaufhaltsam!

Heute gab es dann im wunderschönen Jüdischen Museum Berlin die Abschlusspräsentationen aller diesjährigen Coding Da Vinci Projekten. Bei über 35 Grad Hitze galt es alle 20 Projektvorträge und die anschließende Preisverleihung durchzuhalten. Trotz des extremen Wetters waren sehr viele Teams und Zuschauer erschienen (manche sind sogar extra hierfür nach Berlin angereist!), die Stimmung war von Beginn an enthusiastisch! Ein Team nach dem anderen stellten sie ihre oft sehr innovative Ergebnisse vor. Mir persönlich hat das Projekt “Großstadtziegel“, bei dem man einem in einem Ziegel verbauten Smartphone eine (Lebens)Geschichte erzählt, diese shared und den “Ziegel” dann weitergibt, am besten gefallen (obwohl es streng genommen nicht direkt die bereitgestellten Open Data verwendete).

Großartig fand ich außerdem Thomas Tursic, der seine zwei Kinder beim Projekt “Nürnberger Lebkuchen” involvierte, und ein Candy-Crush ähnliches Spiel mit ihnen gemeinsam entwickelte, bei dem man ganz nebenbei 100 Jahre alte Originalrezepte von Nürnberger Lebkuchen kennenlernt. Das Projekt durfte auch den Preis Funniest Hack einheimsen.

Übrigens wurde während der Abschlussveranstaltung soviel getwittert, dass #codingdavinci zeitweilig zu den Top Topics von Twitter Deutschland gehörte!


Nach der Siegerehrung war auch beim Team “Wiederaufbau Ost-Berlin” die Stimmung bombe! Wir waren sehr stolz darauf, dass wir während der 10 Wochen nicht schlapp gemacht haben, obwohl jeder von uns nebenbei noch Studium und Beruf zu bewältigen hatte. Jeder von uns hat wichtige Dinge insbesondere für das weitere Berufsleben gelernt – Lina und Anne wissen nun, was CSS, Git, responsive, usw. bedeuten ;), mir hat es sehr viel Spaß gemacht mit den beiden zusammenzuarbeiten und ständig ihre Begeisterung für die Kunstgeschichte zu spüren. Ich habe mich deshalb sehr gefreut, mit meinen Programmierkenntnissen ebenfalls einen kleinen Teil zur Vermittlung der Kunst und der Architektur beigetragen zu haben.

Quelle Titelbild: Coding Da Vinci